Ostbrandenburg als Modellregion für individuelle Karrierewege in der beruflichen Bildung

07./08.10.2021 | Donnerstag 13.00 Uhr bis Freitag 14.30 Uhr | Fachtagung (Hybrid-Veranstaltung: Vor-Ort- oder Online-Teilnahme) | IHK Ostbrandenburg, Puschkinstraße 12 b, 15236 Frankfurt (Oder)

Überblick

Veranstalter der Fachtagung waren die QualifizierungsCENTRUM der Wirtschaft GmbH Eisenhüttenstadt (QCW), die IHK-Projektgesellschaft Ostbrandenburg mbH, der Landkreis Oder-Spree und die DigitalAgentur Brandenburg

Die Anforderungen an eine zeitgemäße berufliche Bildung umfassen ein breites Spektrum von Kompetenzen. Es reicht von Skills bei der Anwendung und dem Einsatz von digitalen Geräten und Arbeitstechniken, über die Fähigkeit zu projektorientierten Kooperationsformen über die Berücksichtigung von Datenschutz und -sicherheit bis hin zum kritischen Umgang mit digital vernetzten Medien und den Folgen der Digitalisierung für die Lebens- und Arbeitswelt.

Diese Problemstellungen zeigen sich bereits beim Azubi-Marketing, während der Durchführung der praktischen und schulischen Ausbildung sowie beim Personalmanagement in den Unternehmen der Region. Das InnoVET-Projekt „Bottom-up statt Top-down – Fachkarrieren neu gedacht“ hat zum Ziel, eine Modellregion in Ostbrandenburg zu schaffen. Die Vielfalt der Herausforderungen auf dem Weg zu individuellen Karrierewegen wird hierbei deutlich.

Im Mittelpunkt stehen vordergründig folgende Fragen:

  • Wie gelingt eine nachhaltige Zusammenarbeit zwischen Unternehmen, Kammern, Bildungseinrichtungen, Kommunen und Land, um berufliche Bildung in einer Modellregion zu ermöglichen?
  • Was zeichnet exzellente berufliche Bildung unter Nutzung der Potenziale digitalisierter Lehr- und Lernformate aus?
  • Welche Lernmittel sind geeignet, um berufliche Bildung in der digitalen Welt zu befördern?
  • Welche allgemeinen Standards sind notwendig, um standortübergreifend und cloud-basiert in der beruflichen Bildung lehren und lernen zu können?

Gemeinsam mit Teilnehmer:innen sowie Impulsgeber:innen und Expert:innen wurden diese Fragen auf dem Weg zur Modellregion diskutiert und einen Blick in die Zukunft der beruflichen Bildung vor Ort geworfen.

Die Fachtagung richtete sich an Leiter:innen von und Lehrer:innen an berufsbildenden Schulen, Ausbilder:innen, Vertreter:innen von kommunalen Trägern, Unternehmen und Kammern.

Aufgrund der brandenburgischen Corona-Umgangsverordnung durfte an der Präsenzveranstaltung nur eine begrenzte Personenanzahl teilnehmen. War eine Teilnahme vor Ort nicht möglich, konnte man die Veranstaltung per Webstream verfolgen und sich im Chat an der Diskussion beteiligen.

Insgesamt nahmen an der Veranstaltung 40 Personen vor Ort und 20 Personen online teil. Die Moderation übernahm Björn Stecher (1000 Elephants GmbH).


Einführung

Donnerstag, 07.10.2021, 13.00 - 17.30 Uhr (kuratiert von der DigitalAgentur Brandenburg)

Im Mittelpunkt des ersten Tages stand das Themenfeld Digitalkompetenz und cloud-basierte berufliche Bildung - Herausforderungen und Chancen.

Eingeführt wurde durch die Begrüßung von Dr. André Göbel (Geschäftsführer DigitalAgentur Brandenburg GmbH) und Michael Völker (Geschäftsbereichsleiter Aus- und Weiterbildung IHK Ostbrandenburg) sowie den Fachvortrag „Das Pilotprojekt Medien- und IT-Kompetenz für Ausbildungspersonal (MIKA) – ein Weiterbildungskonzept zur Gestaltung des digitalen Wandels in der täglichen Ausbildungspraxis" von Natalie Deininger und Jill Backs (Bundesinstitut für Berufsbildung/BIBB).

In ihrem Vortrag machten Natalie Deininger und Jill Backs deutlich, dass es in der beruflichen Bildung mit Blick auf die Anforderungen der digitalen Transformation einen sehr großen Qualifizierungsbedarf gibt: Über 90 Prozent der Ausbilder:innen und etwa 85 Prozent der Lehrer:innen benötigen Fortbildungen, um berufliche Bildung in der Praxis zeitgemäßer durchführen zu können. Vor diesem Hintergrund stellten sie das Konzept des BIBB-Projekt MIKA vor. Das MIKA-Projekt ist Teil der Initiative „Qualifizierung 4.0“ des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF). Ziel des Projekts ist die Erarbeitung von bundesweit einsetzbaren Seminarkonzepten zur Förderung medienpädagogischer Kompetenzen des betrieblichen Ausbildungspersonals. Gemeinsam mit regionalen Praxispartnern aus Handwerkskammern, Industrie- und Handelskammern und einem Bildungsträger wurden die Seminarkonzepte entwickelt und erprobt. MIKA besteht aus drei Hauptkomponenenten: den MIKA-Seminaren (12-wöchige Blend-Learning-Kurse), dem MIKA-Campus (eine Lernplattform für die individuelle Vertiefung) und den MIKA-Online-Fortbildungen. Ausgerichtet ist die Konzeption am Modell der "vollständigen Handlung", das eine nachhaltige Veränderung der Berufbildungspraxis zum Ziel hat und produktiv-konstruktivistische Komponenten eines zeitgemäßen Rollgenbilds von Akteuren der beruflichen Bildung mit einschließt. Die Pilotphase des Projekts ist Ende 2021 abgeschlossen, so dass ab Januar 2022 der Rollout beginnen kann. Detaillierte Projektinformationen sind ab 2022 über die Seiten des BIBB abrufbar.


Thematische Arbeit in parallelen Workshops

In den parallelen Workshops zu u.a. Fokusthemen wurden die Erfahrungswerte, die Herausforderungen der Teilnehmer:innen festgestellt und daraus gemeinsam Lösungsansätze erarbeitet. Der Einstieg in die Themen erfolgte jeweils mit kurzen Praxis-Impulsen:

Im Workshop wurden zwei digitale Schulentwicklungsprozesse vorgestellt und reflektiert. In der Göttinger Arnoldi Schule wird die Niedersächsiche Bildungscloud (NBC) seit einem Jahr aktiv genutzt. Als Startpunkt wurde den Lehrer:innen die Plattform präsentiert. Danach konnte jedes Team entscheiden, ob es die Plattform nutzen wollte. Letztlich haben alle sich dafür entschieden. An der Europaschule OSZ Oder-Spree wird aktiv das LMS Moodle benutzt. Parallel dazu startete eine Gruppe von Lehrer:innen eine Laborphase zur Contenterprobung und zur Nutzung der Schul-Cloud Brandenburg (dBildungscloud).

Alle Beteiligten konnten sich darauf einigen, dass sie gemeinsame Herausforderungen bei der Digitalisierung haben. Es wurden folgende Lösungsansätze formuliert:

- Es müssen entsprechende Support-Strukturen an Schulen geschaffen werden, sog. „digitale Hausmeister:innen“, um das Kollegium von zusätzlichen Aufgaben zu entlasten.

- Cloud-Infrastrukturen dienen als übergreifende Ebene zur Lernortvernetzung.

- Weitere Ausbildungsinstitutionen müssen auch Zugriff auf Cloud-Systeme haben.

- Investionen in digitalen Content fördern nachhaltige Lernprozesse.

- Essentiell ist eine engere Zusammenarbeit zwischen Träger und Schule.

 

Nach drei spannenden Impulsen zu den Digitalkompetenzen bei den Lehrenden an drei Institutionen wurden folgende Thesen formuliert:

- Es werden sehr viele unterschiedliche Plattformen/LMS genutzt, so dass es mittlerweile recht unübersichtlich geworden ist. Hinzu kommt, dass Schüler:innen bzw. zukünftige Auszubildende oftmals  nicht die notwendige Digitalkompetenz mitbringen, um sich immer wieder auf unterschiedliche Tools/ Plattformen einzulassen.

- Die Schulungen für Lehrende setzen häufig nicht bei den aktuell vorhandenen digitalen Kompetenzen an. Eine Binnendifferenzierung erscheint notwendig (einige Lehrende haben Probleme, bereits mit der Nutzung der Hardware, andere nutzen bereits aktiv verschiedene Tools im Unterricht).

- Der Einsatz digitaler Medien ist in vielen Schulen personenabhängig und erfolgt oft eher unsystematisch. Vorgaben von Landesseite könnten an dieser Stelle hilfreich sein.

- Die Lehrenden schöpfen das didaktische Potenzial digitaler Medien in der Regel nicht aus. Hier scheint es noch verstärkten Schulungsbedarf zu geben.

 

Im Workshop wurden die cloud-basierten Angebote für die berufliche Bildung zweier führender Verlage vorgestellt und mit dem Ansatz der Nutzung freier, selbst erstellter Bildungsmedien kontrastiert. Die Diskussion fokussierte den Stellenwert und das Potenzial von linearen Bildungsmedien, insbesondere Video, bei der beruflichen Bildung in Schule und Betrieb. Ein Live-Hack verdeutlichte die Möglichkeiten der interaktiven Aufbereitung (unter Nutzung von H5P) von online verfügbaren Videos zur Unterrichtsvorbereitung und -durchführung (unter Maßgabe der Anforderungen von lerngruppenspezifischer Differenzierung).


Ergebnisse der Workshops und Podiumsdiskussion

Die Ergebnisse der Workshops wurden in der abschließenden Podiumsdiskussion von Uwe Schaffranke (Schulverwaltungsamt des Landkreises Oder-Spree), Frank Schimske (OSZ Oder-Spree), Dr. Michael Kaden (DigitalAgentur Brandenburg) und Maurice Heilmann (Ehemaliges Mitglied des Kreisschülerrats Oder-Spree) vorgestellt und gemeinsam auf dem Podium diskutiert. Im Zentrum der Diskussion standen die Fragen „Welche Herausforderungen und Chancen bei der Digitalisierung der beruflichen Bildung gibt es und wie kann man die berufliche Bildung attraktiver gestalten?“ Im Verlauf der Diskussion wurde deutlich,  dass  Bildung insgesamt umgedacht werden muss, um das Basiswissen aus dem theoretischen Bereich (Schule) mit den Anforderungen aus dem praktischen Bereich (Betriebe) besser zu verzahnen. Auf diese Weise wäre es möglich, ein stärkeres Miteinander zu fördern und eine Offenheit bei den Lehrenden für neue Möglichkeiten in den Lehr- und Lernmethoden sowie hinsichtlich des Einsatzes von Technologien und Cloudlösungen zu schaffen. Voraussetzung dafür wäre, dass an Schulen eine entsprechende Support-Struktur geschaffen würde, die sich um Weiterbildungen und akute Herausforderungen kümmert. Abschließend wurde ein Ausblick für den zweiten Tag gegeben.


Fotodokumentation der Fachtagung

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